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DEUTSCHE ZEITSCHRIFT

n FÜR

GESCHICHTSWISSENSCHAFT.

HERAUSGEGEBEN

VON

Xj. <^ TJ I T>JD E.

FÜNFTER BAND. JAHRaANG 1891, BAND I.

FBEIBÜRO L B. 1891.

AKADEMISCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG VON J. C. B. MOHR

(PAUL SIEBECK), fjy

W\

Druck der Dnton Deutsche Tei)kgig«Mlbciiaft in Stottgut

r

Inhalt.

Seite

Abhandlungen nnd Kleine Mittheilnngen.

Die Schrift des Aristoteles über die Athenische Staatsverfassung.

Von M. Frank el 164—167

Friede nnd Recht. Eine rechts- und sprachvergleichende Unter- suchung. Von Ludwig Huberti 1 20

Die Waulsorter Fälschungen. Zur Abwehr. Von E. Sackur . 156 158 Die Lossagung des Bischofs Eusebius von Angers von Berengar

von Tours. Von W. Bröcking 361—365

Bajnlus, Podestk, Consules. Von Hans von Kap-herr. . . 21 69 Zum Ursprung der Deutschen Stadtverfassung. Entgegnung.

Von C. Koehne. Mit Replik von 6. v. Below . . . 139—156

Zum Deutschen Königsgut. Von J. Fritz 365—367

Ein Menschenalter Florentinischer Geschichte. (1250 1292).

VII— Vm. (Schluss). Von 0. Hartwig . . . 70—120, 241—300 Zur Lebensgeschichte des Johannes de Cermenate. Von G. 8 o m m e r-

feldt 159—164

Zu Arelat als Reichsland. Von K. Wenck 376

Zu den Pressburger Verhandlungen im April 1429. Von A.Chroust 367 371

Vicekanzellariat Schlickes. Nachtrag. Von K. Schellhass 167 Die Inquisition in den Niederlanden während des Mittelalters.

Von M. Philippson 371-374

Elisabeth und Leicester. Von Moritz Bros ch 121 138

Beiträge zur Geschichte der Nordischen Frage in der zweiten

Hälfte des 18. Jahrhunderts. Fortsetzung. Von Fritz

Arnheim 301—360

Paul Usteri über K. E. Oelsner, 1799. Nachtrag zu ,K. E. Oelsner's

Briefe und Tagebücher«. Von A. Stern 374-376

Beriehte nnd Bespreehnngen.

Zur Geschichte Islands. Von K. Maurer 168—185

Neuere Literatur zur Geschichte Frankreichs im Mittelalter.

Von A. Molinier 185-208

Neuere Czechische Geschichtsforschung. Von H. Van&ura . 377 390 Neuere Literatur zur Geschichte Englands im Mittelalter. Von

F. Liebermann 390 462

1

IV Inhalt.

Seite

Nachrichten und Notizen.

Kr. 1-6. Berliner Akademie (5-6. Histor. Institut in Rom). 7-8. Istituto austriaco di stadi storici in Rom. 9. Ge- sellschaft für Deutsche Erziehungs- und Schulgeschichte.

10-18. Deutsche Provinzialvereine : Posen, Niedersachsen, Westfalen, Berg, Lothringen, OberAranken, Aargau, Salz- burg, Böhmen. 19. Versammlungen. 20-24. Limes- conferenz. 25-31. Universitäten und Unterricht : 27-31. ünterrichtsreform in Baiern.-— 32-38. Zeitschriften.— 39-48. Lehr- und Handbücher, Nachschlagewerke. Literatur- notizen zur ausserdeutschen Geschichte: 49-53. Skandi- navien; 54-64. Grossbritannien, Neuzeit. 65-77. Preis- ausschreiben, Stipendien etc. 78-88. Personalien . . 209 237

Nr. 89-101. Monumenta Gennaniae historica. 102-104. Deutscher Geographentag (Central-Commission und Verein für wissen- schaftliche Landeskunde). 105-112. Gesellschaft für Rhein. Geschichtskunde. 113-119. Deutsche Provinzial- vereine: Berlin, Breslau, Dresden, Mecklenburg, Osna- brück, Frankfurt a. M., Kärnten. 120-128. Auswärtige Gesellschaften: England, Frankreich, Italien. 129-145. Archive, Bibliotheken, Museen. 146-154. Literatur- notizen zur ausserdeutschen Geschichte: Spanien (und Portugal). 155-160. Personalien. 161-170. Todesfälle.

171-173. Preisausschreiben und Stipendien .... 463 490

Antiquarische Kataloge 288, 490

Eingelaufene Schriften 238-240

Bitte um Auskunft 240

Bibliographie znr Dentschen Geschichte.

Gruppe I: Literatur von Anfang April bis Ende December 1890.

Gruppe II und III: Literatur von Ende Juli bis Ende December 1890* Unter Mitwirkung der Redaction be- arbeitet von Dr. 0. Masslow ♦l— *59

L Allgemeines, Nr. 1-88, p. 1-6. II. Mittelalter, Nr. 89-579,

p. 6-25. UI. Neuzeit, Nr. 580-1360, p. 26-59. Gruppe n und III : Literatur von Ende December 1890 bis Mitte März 1891. Unter Mitwirkung der Redaction bearbeitet

von Dr. 0. Masslow *60-*92

n. Mittelalter,. Nr. 1361-1644, p. 60-73. - III. Neuzeit, Nr. 1(H5-1988, p. 73-92.

I

Friede und Recht.

Eine rechts- und sprachvei^leioliende Untersnehung.

Von

Lndwlg Huberti.

Die Universalgeschichte und mit ihr die Rechtsgeschichte hat eine ungeahnte Bereicherung erfahren, seitdem im Oefolge der übrigen Hilfswissenschaften die Wissenschaft der vergleichen- den Rechtsgeschichte und die vergleichende Sprachwissenschaft in den Kreis der historischen Forschung eingetreten sind, und diese Bereicherung ist in der neuesten Zeit vor allem auch un- serer Deutschen Rechtsgeschichte zu gute gekonmien.

Der Zweck dieser beiden Wissenschaften besteht kurz darin, auf methodischem Wege die Ausgangspunkte der Entwicklung des Rechts beziehungsweise der Sprache aufzudecken. Ihre Be- deutung für die Deutsche Rechtsgeschichte beruht in ihrer kriti- schen Verwerthung, um die Lücken in der Ueberlieferung des ältesten Deutschen Rechts auszufüUen. Zeigt sich beispielsweise, dass ein Rechtsinstitut bei den verschiedenen Stämmen, Völkern, Völkergruppen oder allen Völkern bei getrennter Rechtsentwick- lung in gleicher Weise vorkommt, so lässt sich unter bestimmten Voraussetzungen annehmen, dass es in der Zeit vor der Tren- nung gemeinsames Besitzthum war. Oder lässt sich feststellen, dass ein gewisser Rechtsausdruck den Nordischen und Deutschen oder den Gesammtgermanischen oder den Arischen oder allen Sprachen gemeinsam ist, so liefert diese Thatsache einen be- achtenswerthen Fingerzeig für das Alter und die Bedeutung der dadurch bezeichneten Rechtseinrichtung.

Deutsche Zeitschr. f. GeschichtBw. 1891. V. l. 1

2 L. Huberti.

Die wesentlichsten Dienste leisten aber bei methodischer Verwerthung diese Hilfswissenschaften in ihrer Anwendung auf die Untersuchung des Alters und der Herkunft yon Rechtsbe- griflFen; sie füllen also nicht nur die Lücken in der Ueberliefe- rung des ältesten Rechtes aus durch Herbeiziehung verwandter Rechtssätze in der oben geschilderten Weise, sie gestatten viel- mehr in dieser Beziehung die Rechtsbegriffe in ihre Urgeschichte hinein zu verfolgen und so ihre ursprüngliche Bedeutung auf- zuklären. Um nicht etwas gut Gesagtes zu wiederholen, sei hier auf V. Amira's Schrift: Ueber Zweck tmd Mittel der Germani- schen Rechtsgeschichte, verwiesen.

Im Folgenden soll nun der Versuch unternommen werden, di)3 ursprüngliche Bedeutung der Worte Recht und Friede, die ja die Grundlage aller späteren sich daran anschliessenden Be- griffe sind, durch Herbeiziehung verwandter Wortwurzeln in den übrigen Arischen Sprachen aufzuklären und ihre Bedeutung von ihrem ersten Vorkommen an bis in die jetzt lebenden Sprachen hinein zu verfolgen. Im Anschluss daran soll dann in kurzer Uebersicht gezeigt werden, welche Entwicklungsphasen der Friede thatsächlich bis auf den heutigen Tag durchlaufen hat.

I.

Ob die Worte „Recht** und „Friede** sich auf eine Sanskritwurzel rij, die von den Indischen Grammatikern auch mit der Bedeutung fixum esse, valere, aufgeführt wird, bezüglich Sanskritwurzel prt mit der Bedeutung placere, voluptate frui, sich zurückführen lassen, ist nur auf Grund der vergleichenden Sprachwissenschaft festzustellen möglich und muss füglich dieser überlassen werden. Geht man davon aus, dass sich die Wurzel eines Wortes ergibt, wenn man den allen Indogermanischen Sprachen gemeinsamen Theil herausschält, nach Entfernung der einzelnen Endungen, Afßxe, Suffixe, so scheint dies richtig zu sein. (Die näheren Ausführungen im Sanskritwörterbuch von Böhtlingk und Roth ^ und im vergleichenden Wörterbuch der Indogermanischen Sprachen

* Sanskritwörterbuch, herausgegeben von der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, bearbeitet von 0. Böhtlingk und R. Roth. Peters- burg 1855—1875.

Friede und Recht. 3

von Fick ^) Ebenso kann hier nicht eingegangen werden auf die Frage, die auch im Deutschen Wörterbuch von Grimm auf- geworfen ist, ob nicht die Vorstellung Friede aus der sinnlichen des Zaunes und Geheges abgezogen wurde.

Reichere Ausbeute bietet dagegen eine Untersuchung der Worte in den Arischen Sprachen, die dieselbe Wurzel oder we- nigstens dieselbe Bedeutung wie unser heutiges Wort Friede haben.

Im (jothischen wird elpijVTj (siehe hierüber Curtius *) aus- gedrückt durch gayairpi, welches dem Althochdeutschen giwurt (oblectatio) gleicht, aus gafripön (placare) lässt sich aber auch auf ein Nomen schliessen, das wahrscheinlich fripus lautete und dem Althochdeutschen fridu entsprach. Uebrigens findet sich auch im (Jothischen das Wort frei«, frij ei Freiheit, frei-hals; die Wurzel prei-, die hieraus wie auch aus dem Gothischen freidjan schonen, sich enthalten, gafripön versöhnen zu erschliessen ist, ist identisch mit der aus frijön lieben, frijapwa Liebe sich er- gebenden Wurzel prei-, sorgen für, lieben (das Nähere bei Schulze ^, DiefenbachS Meyer ^ Feist*).

Im Althochdeutschen findet sich das Wort fridu, woraus dann im Mittelhochdeutschen vride wurde (yergl. Graff^ und Schade »).

Neben diesem Gothischen fripus und Althochdeutschen fridu findet sich im Altsächsischen frithu (Schmeller ^) , im Nieder- ländischen vrede (Dufflaei Etymologicum ^®), im Angelsächsischen

* Pick, Vergleichendes Wörterbuch d. Indogerm. Sprachen, besds. Theil VII: Wortschatz der German. Spracheinheit 8. Aufl. 1874.

* Curtius, Grundzüge der Griech. Etymologie. 5. Aufl. 1879.

* E. Schulze, Gothisches Glossar, 1847; Gothisches Wörterbuch 1867. *L. Diefenbach, Vergleichendes Wörterbuch der Gothischen

Sprache. 1861.

* L. Meyer, Die Gothische Sprache, ihre Lautgestaltung insbes. im Verhältniss zum Altindischen, Griechischen und Lateinischen. 1869.

* S. Feist, Grundriss der Gothischen Etymologie. Inaug.-Diss. Strass- burg 1888.

' E. G. Graff, Althochdeutscher Sprachschatz oder Wörterbuch der althochdt Sprache, 1834 ff. III S. 783 unter fri.

' 0. Schade, Althochdeutsches Wörterbuch, 2. Aufl. 1872—1882 (Steinmeyer und Sievers).

® A. Schmeller, Glossarium Saxonicum. 1840 (Heyne).

^^ Kiliani Dufflaei Etymologicum. Ultraj. 1623 (Verwijs en Verdani).

4 L. Huberfci.

schwankeDd fridu, daneben freodo, freod, im Englischen erloschen und durch peace vertreten (Ettmüller^, Bosworth^ Toller und Bosworth^, Wright*), im Altnordischen fridr (Möbius^), Schwedisch, frid, fred (Schlyter«), Dänisch fred (Lund^.

Diesem Germanischen fripus, fridu steht in urverwandten Sprachen nichts zur Seite. Der Slavische Ausdruck ist «mir**, Lett. meers; ein anderer pokoi, Lit. pakajus, das an pax mahnt, aber für ein Compositum erklärt und zu einem nirgends erschei- nenden koi = quies gehalten wird (das Nähere im Lexicon Palaeoslovenico-Graeco-Latinum ® und im etymologischen Wörter- buch der Slavischen Sprachen von Miklosich ^).

Die Lateinischen Ausdrücke pax, pacare, pacisci stimmen zum Gothischen fahöds (gaudium); zu faginön (gaudere), weil Friede auch Freude, Ruhe, Wonne ist (Vanitschek ^^).

In Betreff der Romanischen Sprachen endlich ist zu ver- weisen auf Diez^^.

Man darf also fripus zum Angelsächsischen frid, Altnordi- schen fridr nehmen und auf einen Stamm fraipan, fraip, fripum (fridum) rathen, welchem auch freidjan parcere zufallt, ganz wie sich scönön schonen (parcere) mit scöni schön (pulcher) berührt. Höherer Zusammenhang mit frei und froh kann nach Grimm nicht wohl geleugnet werden.

Aus dem Althochdeutschen fridu finden wir im Mittelhoch- deutschen vride (Müller imd Zaracke^*, v. Lexer^*); im Mittel- niederdeutschen vrede (Schiller und Lübben**), bedeutend Friede,

* EttmüUer, Lex. Anglosaxonicum. 1851 (Grein, Schmid, Groschopp). ' Bosworth, Anglo-Saxon and English Dictionary. 1866.

' Toller and Bosworth, An Anglo-Saxon Dictionary based on etc. 1882 ff.

* Wright, Anglo-S, and old English vocabularies, 2 ed. byWülcker. 1884. •'^ Th. MöbiuB, Altnordisches Glossar. 1866.

" Schlyter, Ordbok tili Sämlingen af Sweriges gamla Lagar. 1877.

^ Lund, Det aeldste danske Skriftsprogs Ordforraad. 1877.

** Miklosich, Lexicon Palaeoslovenico-Graeco-Latinum. 1862 1865.

^ Miklosich, Etymolog. Wörterbuch der Slavischen Sprachen. 1886. Vanitschek, Etymolog. Wörterbuch der Griech. und Latein. Sprache. *' Diez, Etymolog. Wörterbuch der Roman. Sprachen. 4. Aufl. 1878. Müller und Zarncke, Mittelhochdeutsches Wörterbuch. 1854 ff. ^^ V. Lexer, Mittelhochdeutsches Handwörterbuch, 1872—78. III. Bd. '* Schiller und Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterb., 1872—81.

Friede und Recht. 5

Waffenstillstand, Ruhe, Sicherheit, Schutz; Busse für Friedens- bruch; Einfriedigung, eingehegter Raum, Bezirk. Neben ersterem Worte bei Heinzelein von Konstanz^ und Martina von Hugo von Langenstein ^ das Wort vrit; als fiiet in den Chroniken der Deutschen Städte ^. Hervorzuheben ist es in folgenden Formen: ,vride bannen* im jüngeren Titurel* und in der Rabenschlacht ^; ,vride swem*, „vride brechen** im Schwabenspiegel ^; „si ranc nach satzunge ßwecliches friden** im Leben der hl. Elisabeth^); „gotes vride muoz mit eu sin" bei ApoUonius von Tyrland*; „vierzec tage, daz was eines keisers vride** in den Deutschen Predigten des 13. Jahrhunderts^; „wan ich ez klegeliche clage, daz du mich niht mit vride last** im Trojanischen Krieg von Konrad von Würz- burg und ,des riebe mit gemache stat und einen vrien vride hat ui liuten und an lande** ebendort^^; „ez sol chain rihter an dem gerihte sitzen, er habe den frid teusche bl ime geschriben** in den Monumenta Wittelsbacensia ^ ^, u. A.

In der modernen Sprache findet es sich einmal in der Be- deutung von Gegensatz des Kriegs = Waffenruhe, Aufhören des Kri^s; sodann = Ruhe, Stille, Gnade, Freude; endlich = Schirm, Schutz, Zaun, Gehege (Grimm ^* und Kluge ^^).

* Heinzelein von Konstanz, hrsg. von F. Pfeiffer. Leipzig 1852. (116. 5, 5.)

' Martina von Hugo von Langenstein, hrsg. von Keller. Stuttgart 1856. (43, 2.)

» Chroniken der Dt. Städte vom 14. bis ins 16. Jh. Leipzig 1862 ff. Bd. Vm S. 76, 9.

^ Der jüngere Titurel, hrsg. von Hahn. Quedlinburg 1842. (910.)

* Die Rabenschlacht, hrsg. von Martin. Berlin 1866. (228. 469.)

* Der Schv^abenspiegel, hrsg. von Wackernagel. I. Zürich 1840. (89, 5. 205.)

' Das Leben der heiligen Elisabeth, hrsg. von Rieger. Stuttgart 1868. (9028.)

' ApoUonius von Tyrland, ged. von Heinrich von Neuenstadt. Gothaer Handschrift (14968).

* Deutsche Predigten des 18. Jahrhunderts, hrsg. von Grieshaber. Stuttgart 1844-46. (2, 84.)

Trojanischer Krieg von Konrad von Würzburg, hrsg. von Keller. Stuttgart 1858. (19298, 16903.)

" Monumenta Wittelsbacensia, hrsg. v. Witt mann. München 1857—61. (59, 32, a. 1255.)

" J. und W. Grimm, Dt. Wörterbuch. 1854 ff. unter Friede.

" Kluge, Etym. Wörterbuch der Dt. Sprache. 1884.

0 L. Huberti.

In Betreff der Etymologie des Wortes Recht kann ich mich kürzer fassen unter Hinweis auf die erschöpfende Behandlung dieses Gegenstandes in der Deutschen Eechtsgeschichte von Brunn er im Abschnitt über das Recht und seine Erkenntnissquellen und unter Verweisung auf die einschlägigen Abhandlungen in den bereits angeführten etymologischen Wörterbüchern, im Besonderen aber auf die vortreffliche Zusammenstellung der massgebenden Ausdrücke bei von Amira in Paul's Grundriss der Germanischen Philologie ^

Als Bezeichnungen der Rechtsordnung überliefern uns die Germanischen Sprachen die Ausdrücke lag, 6wa, vitoth.

Während das Hochdeutsche den ersteren Ausdruck nur in der Zusammensetzung urlac mit der Bedeutung fatum, decretum tiberliefert, ist uns die Wurzel lag in der Bedeutung von lex bei den Niederdeutschen und Skandinavischen Stämmen bezeugt. Es ist zu verweisen auf Graff =*; dann für das Altsächsische lag, lagu, und das Nordische lag und utlegd auf die oben angegebene Li- teratur; für das Mittelniederdeutsche auf Schiller und Lübben^; für das Altfriesische laga und lag, log und laow, auf v. Richt- hofen* und Doornkaat-Koolman ^ ; für das Angelsächsische lagh und utlagare auf Schmid *^, für das Englische law auf Bosworth, Wright: über das nach Jordanes'^ Gothische belagines mit der Bedeutung Gesetze, welches Wort J. Grimm ® auf ein Gothi- sches bilaghian zurückführt und ein Gothisches bilagineis, Satzungen, vermuthet, vergleiche Brunner ^ und v. Amira *^;

* H. Paul, Grundriss der Germanischen Philologie etc. IL Bd. 2. Abth. Lfg. 1. Strassburg 1889. S. 41.

- Graff, Althochdt. Sprachschatz. II, 96.

'^ Schiller und Lübben, a. a. 0. II, 608.

^ K. V. Richthofen, Altfriesisches Wörterbuch. 1840. S. 883.

■'' J. ten Doornkaat-Koolman, Wörterbuch der Ostfriesischen Sprache. 1879 ff.

® R. Schmid. Glossar in dessen Gesetze der Anglosachsen. 1858. S. 621.

^ Jordanes, c. 11: propriis legibus vivere fecit, quas usque nunc con- scriptas belagines nuncupant. Vgl. hierzu vor allem die Erörterungen von Müllenhof f. (Anmerkungen zu Mommsen's Ausgabe.)

^ J. Grimm, Geschichte der Deutschen Sprache. I, 453.

» Brunn er, Dt. Rechts-G. I, 109. Note 2. *'^ V. Amira, a. a. 0. S. 50 und S. 72. Note 95.

r

Friede und Recht.

über das Niederländische gibt Brunner ^ in dem vierten Bande der Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte fol- gende AusfQhrungen : In den Fri^dloslegungsformeln der beiden Dingtalen von Dordrecht und von Südholland erscheint die Fried- loslegung unter der Bezeichnung «tuntlaghen slants leggen**, welche dem Anglonormannischen utlagare entspricht. Derselbe Ausdruck findet sich auch anderwärts in Holland, z. B. in Heusden, also auf einem Boden, der zweifellos immer Fränkisch war. Im Frie- sischen kommt das Wort nicht vor, es kann nur Niederfränkisch sein und setzt die aus dem Nordischen, Friesischen und Angel- sachsischen bekannte Wurzel lag mit der Bedeutung Recht (lex) Yorans, welche hiermit auch für die Fränkische Rechtssprache nachgewiesen ist.

üeber die den Nordgermanen fremde, aber allen Westgermanen gemeinsame Wurzel unseres Wortes Ehe, Gothisch aivs, dem Lateinischen aevum entsprechend, welche im Sinne von lex Alt- hochdeutsch als ^wa. Mittelhochdeutsch ewe, 6, friesisch als ä, ^^ Angelsächsisch als sew, se und ä. Altsächsisch als ^o erscheint, vergleiche Grimm* und Grein ^.

Als Ausdruck für Gesetz, Norm begegnet uns endlich im Alt- hochdeutschen wizöd, wizzut; Beispiele hierfür bringt Brunner aus der Capitularienübersetzung, wie: then vuizzut haue; thie theru seluem vuizzidi leuen; vuizzethahtia saJa (Boretius, Cap. I. 381); im Gothischen vitoth, vitöp, Altsächsisch witod, Altfränkisch witut (vergl. Heyne, Altniederdt. Denkmäler, Glossar unter uuitut, uuitut- dragere [legislator] und GrafF I, 1112).

An Stelle dieser Ausdrücke, von denen sich in unserer Zeit nur das Wort Ehe in der sehr verengten Bedeutung von matri- monium und in einigen veralteten Zusammensetzungen bewahrt hat, ist in der Neuhochdeutschen Sprache das Wort Recht, im Lateinischen rectum, Mittellat. directum, drictum. Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch und Altsächsisch, Altfränkisch, r6ht. Friesisch riucht, Angelsächsisch riht. Altnordisch r^ttr, im Gothischen nicht vorhanden, getreten, welches nach Brunner verhältnissmässig jüngeren Ursprungs zu sein scheint und zunächst die durch die

» Brunner, Z. d. Sav.-Stiftg. f. Rechts-G. IV, 237.

- Grimm, Bt. Wörterb. IE, 39.

' Grein, Angelsäcbs. Sprachschatz. I, 11. 63.

g L. Huberti.

Rechtsordnung den einzelnen zugewiesene Stellung, den Rechts- anspruch und die Rechtspflicht, im weiteren Sinne die Rechts- ordnung überhaupt bezeichnet. (Das Nähere bei Graff, zweiter Teil, S. 397; v. Richthofen, S. 994; v. Amira, Obligationenrecht» S. 55 ff.; Ghrimm, VIU. S. 364. Die weiteren Bezeichnungen bei T. Amira, n. 2. 3. 41.)

Das Wesen des alten Rechts charakterisirt y. Amira wie folgt: „Rechf, im Deutschen substantiTirtes Verbaladjectiv, ist zunächst das „Gerichtete'', in gehöriger Richtung Befindliche, Gerade , nämlich das geordnete Lebensyerhältniss , wovon das sogenannte subjectiye Recht ein Hauptbeispiel. Andererseits ist Recht die gerade «Richtung*' eines solchen Verhältnisses, weiter- hin aber auch der Inbegriff aller so geordneten und „abge- grenzten* Verhältnisse oder der richtigen „Lagen'' und insofern der Inbegriff aller Regel, die sich in diesem Anschaulichen äus- sert, oder das Recht im objectiyen Sinn, daher endlich „das zu Beobachtende*. Noch in der älteren historischen Zeit erschien das Recht fast nur in der Anwendung und schien es daher dem Volk in soweit als das „Herkömmliche" so, wie es allererst unter Blutsverwandten ist, wesswegen es auch mit der Sippe den Namen theilte. „Gemachtes^ Recht oder „gesetztes*, beschlossenes, ge- korenes, vereinbartes in erheblicher Menge wurde erst durch wirthschaftliche , politische, religiöse Umwälzungen veranlasst. Und noch später blieb das Recht wenigstens zum grösseren Theil Gewohnheitsrecht, Landlauf *, Brauch, Sitte.

Soweit man durch Kombination des analytisch Festgestellten Schlüsse ziehen kann, ergibt sich als Resultat dieser Untersuchung, einmal dass die Worte Friede und Recht aus getrennten Sprach- wurzeln hervorgewachsen sind, sodann dass die Begriffe Friede und Recht sprachlich niemals als gleichbedeutend sich vorfinden. Mit Nothwendigkeit ergibt sich daraus, dass beiden Worten von ihrem ersten Vorkommen an eine verschiedene Bedeutung zu Grunde gelegen haben muss, denn der Sprachgebrauch ist ja, um ein bekanntes Wort zu gebrauchen, immer philosophisch.

Schon Lehmann ^ hat auf Grund der Nordgermanischen Rechtsquellen, die das Wort Friede für Recht schlechthin nie- mals anwenden, darauf hingewiesen, dass es demnach nicht zu-

* K. Lehm am, Der Königsfriede der Nordgermanen. 1886. S. 2. Notel.

Friede und Recht. 9

treffend sei, wenn Wilda ^ und v. Amira ^ behaupten, Friede und Recht seien gleichbedeutend. Es gilt dies aber auch allgemein.

Nur scheint mir gegenüber der mehr philosophischen Con- stniction des Begriffs Friede, beziehungsweise Recht durch Leh- mann, auf Grund der Sprachgeschichte und Sprachvergleichung noch eine genauere Abgrenzung der Begriffe Friede und Recht möglich.

Es besteht ein grundsätzlicher Unterschied zwischen dem Begriff Friede imd dem Begriff Recht von ihrem ersten Vor- kommen an, entsprechend ihrer Entstammung von verschiedenen Wurzehi. Erinnert man sich an die oben angeführten Worte von Grimm, dass ein höherer Zusammenhang des Wortes „Friede** mit frei und froh, in weiterer Ausdehnung Freude, Ruhe, nicht wohl geleugnet werden könne so auch Wilda vielleicht auch an die Versuche der ZurückfÜhrung des Wortes auf die Sanskrit- wurzel pri mit der Bedeutung placere, voluptate frui so bei QxbS^ so wird man nicht fehl gehen, auf seine ursprüngliche Bedeutung zu schli essen als „Zustand der Ruhe**, beziehungsweise «gegenseitige Schonung**. Gegensatz ist der Unfriede, der Frie- densbruch, der Streit, der Krieg, der Kampf Aller gegen Alle. Dieser rein thatsächliche Zustand des Ruhens vom Kriege hat cum Hintergrund die thatsächliche Macht, sei es nun des Ein- zelnen oder schon von Mehreren. Scheint diese Macht dem sie Ftürchtenden oder ihr schon Unterlegenen nicht mehr stark genug, 80 verlockt sie ihn zum Kampfe.

Daneben schafft der Zusammenschluss der Menschen zu Rechtßgemeinschaften bedingend und bedingt einen rechtlich ge- schützten Zustand. Die Störung desselben ist Unrecht, Rechts- bruch, Rechtsverletzung, Verbrechen. Als Stützpunkt dieses Zu- standes dient der Rechtsgemeinschaft die Rechtsordnung, „die Ordnung**, beziehungsweise „die Befugniss**. Dies mag wohl die ursprüngliche Bedeutung der Worte, die unser heutiges Recht '^

* Wilda, Strafrecht der Germanen, S. 225, und im Rechtslexikon von Weiske VI S. 248.

' V. Amira, Das Altnorwegische Vollstreckungsverfahren, S. 2, und Nordgernianisches Obligationenrecht, I S. 141. PauTs Grundriss II, 2, S. 41 : Daher auch , Friede", d. i. die gegenseitige , Schonung" der Menschen, zu einem Namen des Rechtes wird.

' Graff, Althochdt. Sprachschatz HI S. .783 vgl. mit S. 794.

10 L. Hubeiii.

bezeichnen, gewesen sein, wenn man mit der Sprachwissenschaft sie auf die oben augeführte Wurzel mit der Bedeutung fizum esse, valere zurückführte

Das Recht der Rechtsgemeinschaft tritt schützend neben die thatsächliche Macht der Einzelnen oder Mehreren. Es umfasst aber nicht alle Beziehungen der Einzelnen zu den Einzelnen und der Rechtsgemeinschaft zu den Einzelnen oder anderen Gemein- schaften, sondern nur einen kleinen abgegrenzten Kreis. Den Schutz der rechtlich nicht geschützten Einzelbeziehungen im In- neren überlässt es der persönlichen Macht oder der Macht der Sippe; nach Aussen hin steht die Rechtsgemeinschaft bald im Kampfe, bald im thatsächlichen Frieden, verbürgt durch die ge- schlossene Macht, die hinter ihr steht

Es herrscht also ein Rechtszustand ", geschützt durch die Rechtsordnung, und ein „thatsächlich er Zustand" des Friedens, ge- schützt durch die Macht, neben einander ; Rechtsbruch und Fiie- densbruch bilden die Kehrseite. Dabei ist ein öfteres Herüber- und Hinübertreten über die Grenze leicht möglich, da ja kein Lebensgebiet eines Volkes mechanisch abgeschnitten ist und die verschiedenen menschlichen Beziehungen einander beeinflussen oder durchdringen.

Dadurch entsteht eine Uebergangsform, die, je nachdem das eine oder andere Element überwiegt, bald hierhin bald dorthin sich neigt, und, bedingend und bedingt dadurch, auch der Unter- schied zwischen dem sogenannten öffentlichen und dem soge- nannten privaten Strafrecht; hinter ersterem der Schutz der Rechtsordnung, hinter letzterem vor allem die thatsächliche Macht der Verletzten, und nur eventuell und subsidiär die Rechts- ordnung.

In fortschreitender Entwicklung sucht dann die Rechts- ordnung den durch sie geregelten Kreis von Beziehungen aus- zudehnen; so sucht das öffentliche Strafrecht das sogenannte private Strafrecht zu absorbiren, oder wenigstens seine Stütze, die eigene thatsächliche Macht, in gewisse Schranken zu bringen. Naturgemäss wird dadurch der bisher in eigenartiger absteigen- der Entwicklung neben dem Rechtszustand einhergehende Frie- denszustand innerhalb der Rechtsgemeinschaft zurückgedrängt

* Vgl. Graff, a. a. 0. IT S. 397.

Friede und Recht 11

und mehr und mehr auf das Verhältniss der Rechtsgemeinschaft nach Aussen 'hin, gegenüber den Ungenossen, beschränkt.

Diese Ausdehnung gelingt am ersten in Staaten mit stark centralisirender Tendenz, so in der Fränkischen Monarchie Karl's des Grossen; denn die Karolingische Verfassung bot eine ge- nügende Handhabe, um die Rechtsordnung wirksam werden zu lassen. Dagegen führte das Fehlen einer straff gespannten öffent- lichen Gewalt in der Nachkarolingischen Zeit zuerst in Frank- reich und theflweise auch in den Nebenländem Italien, Spanien, England, und dann in Deutschland mit vorübergehenden Aus- nahmen zu jenem Rückschlag, als dessen charakteristisches Merk- mal die sogenannten Friedensbestrebungen des Mittelalters zu bezeichnen sind, die unter den yerschiedensten Namen auftreten, ich erinnere nur an die wichtigsten, Gottesfrieden und Land- frieden, denen allen aber gemeinsam ist jene ursprüngliche Be- deutung, welche dem Worte Friede zu Grunde liegt: „die that- sächliche Macht** vorwiegend vor der »Rechtsordnung", natürlich unbeschadet der mannigfachsten Schattirungen , die in den da- maligen so verschieden gearteten Zeitverhältnissen nur zu er- klärlich sind.

Und als dann diese Zeit wenigstens äusserlich ihren Ab- schluss fand in dem ewigen Landfrieden Kaiser Maximilian's im Jahr 1495, und als im weiteren Verlaufe das Recht alle Be- ziehungen innerhalb der Rechtsgemeinschaft regelte, einen all- gemeinen rechtlich geschützten Zustand schuf, . soweit dies natür- lich die jeweilige Lage der Dinge erheischte, verschwindet aus dem Sprachgebrauch der bisherige Gegensatz zwischen Friedens- zustand und Rechtszustand für die Beziehungen innerhalb der Rechtsgemeinschaft (ich verweise auf die oben in reichlichem Masse angeführten Belegstellen), und es ist von einem Friedens- zustande nur noch die Rede im Verhältnisse der Rechtsgemein- schaft nach Aussen hin: ein thatsächlicher Friedenszustand, wenn verbürgt durch die geschlossene Macht, mit welcher die Rechts- gemeinschaft nach Aussen auftritt, ein Kampfeszustand , wie ehedem zwischen den Einzelnen, wenn dies nicht der Fall.

Eine Schattirung nach der Seite des Rechtes hin, ähnlich wie die in früherer Zeit schon erwähnten Nüancirungen, ist der Yölkerrechtliche Friede. Doch für Weiteres verweise ich den Philosophen vom Fache auf die bekannte Abhandlung von Kant

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12 L. Huberti.

zum ewigen Frieden, den Juristen auf die völkerrechtliche Literatur.

Es hat diese historische und etymologische Untersuchung der Worte Friede und Recht in Betreff des Begriffes Friede und hier wieder besonders im Sinne der Friedensbestrebungen des Mittelalters genau zu dem Endpunkte hingeführt, wie die rechts- historische und rechtsvergleichende Untersuchung des Gegen- standes.

Untersucht man in diesem Sinne von dem oben ge- schilderten Standpunkte aus die Erscheinungen des Mittelalters, so erscheint die Ansicht derer als völlig unrichtig, welche im Fehderitter des Mittelalters schlankweg nach dem Oeiste unserer Zeit einen Dieb und Räuber sehen, und die nach den jeweiligen Zeitverhältnissen so verschiedentlich gearteten Friedensordnungen als Rechtsordnungen in unserem Sinne betrachten, gerichtet gegen derlei Rechtsverletzungen. Von ihm aus erscheint vielmehr jene ganze Bewegung als ein „Kampf ums Rechf^. Jene zahlreichen und in unendliche Schattirungen sich zersplitternden Friedens- ordnungen suchten jenes Gebiet, das bislang der persönlichen Macht zum Schutze überlassen war, mit einem Worte, das ganze Gebiet der Selbsthilfe mit all ihrem nicht geringen Anhängsel zu verdrängen und dafür einen allgemeinen rechtlich geschützten Zustand zu schaffen, in dem alle wichtigen menschlichen Be- ziehungen rechtlich geregelt sind und jede Eigenmacht und Selbst- hilfe ausgeschlossen erscheint. Daher ihr eigenthümHcher Cha- rakter, der weniger an unsere modernen Rechtsordnungen und Rechtssatzungen, als vielmehr an eine Art völkerrechtlicher Rege- lung gemahnt.

II.

^Friede** und „Recht" sind also nicht gleichbedeutend. Friede ist ein Zustand und Recht eine Ordnung. Friede ist der rein thatsächliche Zustand des Ruhens vom Kriege. Als dessen Stütz- punkt erscheint die thatsächliche Macht. Recht ist selbst Macht. Recht ist das machtvertheilende Gesetz des menschlichen Gemein- lebens. Recht ist die anerkannte und durch die Gemeinschaft geschützte Ordnung der menschlichen Interessen. Das Recht schafft dann seinerseits einen Rechtszustand, in allgemeinerer Bezeichnung, und hierin beruht das beiden Begriffen Gemein-

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Friede und Recht. 13

same, einen «Zustand der Ruhe und Ordnung*'. Es berühren sich demnach lediglich Friedenszustand und Rechtszustand, und der Sprachgebrauch hat auch, indem er auf Grund des gleichen Zweckes die beiden Worte Friedenszustand und Rechtszustand sowohl in cumulativen als disjunctiyen Bezeichnungen identificirte, neben dem besonderen einen weitem Begriff „Friede*^ geschaffen. In diesem Sinne heisst es schon in einzelnen mittelalterlichen Quellen: der König oder Kaiser habe pacem et iustitiam in seinem Reiche hergestellt. Doch hier spielt unwillkürlich noch der Gredanke herein, dass man als nächsten Zweck, der in dem Worte Friede angedeutet liegt, die Abschaffung der Fehde be- trachtet, wenn dieser Begriff hier auch auf andere mehr recht- liche Zwecke weiter auszudehnen sein wird. Hierher gehört, was die prosaische Kaiserchronik ^ von Ludwig dem Frommen erzahlt: ,Wir lesen von keiser Ludewige, daz der vride als guot was bt im, als bi sinem yater." Ebenso die Stelle im Trojani- schen Krieg des Konrad von Würzburg^: ^des rtche mit gemache stat und einen vrlen vride hat an liuten und an lande.** Ebenso die Stelle im Görlitzer Stadtrechtsbuch ^ von 1434: „Desse noch- geschrebne gebot und statuta sind alhir zu Görlitz von alders zu haldin, der stat zu fromen und nutze und zu eren, arm und reich zu frede imd zu gemache gesazt und vorwillet.**

Der moderne Sprachgebrauch hat dann diese verallgemeinerte Bedeutung allgemein angenommen, nachdem der geschilderte Gang der Rechtsentwicklung den unterschied zwischen Friedens- zustand und Rechtszustand innerhalb der Rechtsgemeinschaft hatte verblassen lassen. Dies war der Fall, als das Recht alle wichtigeren Beziehungen innerhalb der Rechtsgemeinschaft ge- regelt und einen allgemeinen rechtlich geschützten Zustand ge- schaffen hatte. Mit dem Wegfallen des Scheidungsgrundes schwand die Scheidung. In diesem allgemeinen Sinne scheint mir auch die Behauptung v. Jhering's ^ aufzufassen zu sein, dass

' H. F. Mas 8 mann, Der Keiser und der Eunige baoch oder die sog. Kftiserchronik. Quedlinburg u. Leipzig 1849. III S. 1048.

* Konrad v. Würzburg, Trojanischer Krieg; hrsg. von Keller. Stutt- gart 1858. 16908.

* G. Ph. Gengier, Dt. Stadtrechte des Mittelalters. Erlangen 1852. S. 1.54.

* R. V. Jhering, Der Kampf ums Recht. Wien 1889.

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14 L. Huberti.

das Recht zwar vielfach aus dem Kampfe hervorgegangen sei, dass aber als sein Ziel zu bezeichnen sei der „Friede**; eine «friedliche geordnete Gemeinschaft", wie Hugo Grotius sich aus- drückt. In dem Sinne spricht man gegenwärtig allgemein von einem Friedens- und Rechtszustand in Deutschland **. Hierher gehören auch in gewissem Sinne die strafbaren Handlungen gegen den öffentlichen Frieden'', eine Bezeichnung, die sich, in den modernen Strafrechtssystemen anknüpfend an frühere Ver- hältnisse erhalten hat ^

Im völkerrechtlichen Leben dagegen hat das Wort « Friede* seine ursprüngliche besondere Bedeutung beibehalten. Während man auf Grund der allgemeinen Bedeutung des Wortes Friede im modernen Sprachgebrauch von einem „Frieden in Deutsch- land* sprechen kann, und darunter einen allgemeinen rechtlich geschützten Zustand der Ruhe und Ordnung versteht, muss man hier von einem „Friedenszustand zwischen Deutschland und Frankreich" sprechen, als dessen letzter Stützpunkt doch immer noch die thatsächliche Macht erscheint.

Dies ist die Entwicklung des Begriffs Friede überhaupt und seine Abgrenzung gegenüber dem Begriff Recht. In dieser Abhandlung haben wir uns nur mit der ursprünglichen und engeren und besonderen Bedeutung des Wortes Friede zu be- fassen: „Friede ist die Negation der Fehde". Hierher gehören die technischen Begriffe pax, pacare, pacisci, pacificare, vridebuoch, vridebrief, vridelös, vride bannen, vride swem, vride brechen, befrieden, Friedenssatzung, Gottesfriede, Landfriede, Friedens- gebot, Friedensbruch und andere. Diese Bedeutung liegt zunächst den mittelalterlichen Rechtsquellen zu Grunde, mit denen wir uns zu beschäftigen haben.

Wie bei dieser ursprünglichen Bedeutung des Wortes Friede ein Unterschied zu machen ist zwischen Friedensordnung und Rechtsordnung, vridebuoch und röhtbuoch, Friedenszustand und Rechtszustand, friedlos und rechtlos, vridelös und rähtelös, so ist auch zu unterscheiden zwischen „Friedensbruch* und „Rechts-

^ Das Nähere über diese Entwickluog findet sich bei Wilda in Weiske's Rechtelexikon unter ^Landfriedensbrueh*, eine Bezeichnung, die zwar nicht mehr in der ursprünglichen, sondern in ganz bestimmter ein- geschränkter Bedeutung heute noch für § 125 R.-St.-G.-B. in Anwendung ist.

Friede und Recht. 13

bruch*. Auf diese Gegenüberstellung haben bereits v, Wächter*, Wilda'; Maurer^ aufmerksam gemacht. In diesem Sinne kann man sagen: Die Rechtsordnung begreift durch ihre positive Aus- dehnung in sich, wie weit der Friede reicht; sie setzt die Grenzen fOr das Gebiet der Selbsthilfe; aus ihr l'asst sich die Unter- scheidung gewinnen zwischen der Selbsthilfe, die gestattet ist, be- ziehungsweise, die nur den Frieden verletzt, und jener, die als widerrechtliche Gewalithat gilt. Dagegen lässt sich hieraus nicht der Schluss ziehen, als handle es sich dabei nur um eine Fär- bung der Ausdrücke.

Als „Friedensbrüche" im eigentlichen Sinn erscheinen die- jenigen Verletzungen, die ein Recht der Fehde, eventuell einen Ansprach auf Busse begründen. Es sind Verletzungen, welche den Thäfcer und die Seinen nur der Feindschaft des Verletzten und seiner Sippe preisgeben, so dass es diesen gestattet ist, im W^e der Selbsthilfe Rache zu üben, ohne dadurch ihrerseits einen Friedensbruch zu begehen. Rechtsbrüche '^ dagegen sind normwidrige schuldhafte Handlungen, die wegen ihrer Unverein- barkeit mit wesentlichen Grundlagen des Gemeinlebens durch das bestehende Recht mit öffentlicher Strafe bedroht sind. Der Ver- brecher hat sich die Gesanmitheit der Volksgenossen zum Feinde gemacht.

Charakteristisches Merkmal der ganzen Friedensbewegung ist nun das Aufgehen der Friedensbrüche in den Elechtsbrüchen. An Stelle der Fehde und Busse tritt allgemein die öffentliche Strafe. Und gerade hier ist es sehr bezeichnend, dass auch das Rechtsbewusstsein des Volkes die allgemeine Einführung der Strafe auf die Gottesfrieden zurückführt. Es ergibt sich dies aus einer Stelle in der Kaiserchronik *, in der von Ludwig dem Frommen erzahlt vnrd: ,Mit rate also w^sllchen rihte der kunic daz flehe . er gebiet einen gotis vride: nach dem scächroube irteilde man die wide, nach dem morde daz rat (hei welich vride wart!), dem roubaere den galgen, dem diebe an die ougen, dem

* V. Wächter, Beilagen zu Vorlesungen über das Dt. Strafrecht. 1881. Beil 22: Das Germ. Fehderecht und die Compositionen. S. 79.

* Wilda, Geschichte des Dt. Strafrechts. I S. 268.

' K. Maurer, üeber Angelsächs. Rechtsverhältnisse: 4. Das Fehde- und Wergeidwesen. Kritische üeberschau. in S. 30.

* Massmann, Der Keiser und der Kunige buoch. II S. 397 f.

1() L. Huberfci.

vridebrechel an die hant, den bals umbe den brant. Der vride wuochs in dem riebe."

Es ist dies jedoch nicht so zu verstehen^ als ob hier zum ersten Male die öffentlichen Strafen überhaupt zur Anwendung gekommen wären. Die Anfange des öffentlichen Strafensystems fallen zusammen mit den ersten Anfängen des Staates, des Rechtes. Es handelt sich hier vielmehr um eine allgemeine An- wendung und weitere Ausdehnung des öffentlichen Strafensystems gegenüber dem Fehde- und Bussensystem.

Im einzelnen war sicherlich das Verhältniss weder bei den einzelnen Stämmen, noch zu verschiedener Zeit überall gleich. Im ganzen aber hat je länger desto mehr eine allmähliche Ein- schränkung stattgefunden, in demselben Mass, in welchem der^ Staat zu Kräften kam, bis es endlich nach der gewöhnlichen Annahme und rein äusserlich betrachtet im Jahre 1495 auf dem Reichstage zu Worms, thatsächlich aber und nach der richtigen Ansicht erst bedeutend später gelang, das Fehderecht ganz auszuschliessen. Bestimmungen gegen das Princip der Selbst- hilfe finden sich beispielsweise noch in Artikel 129 der Consti- tutio criminalis Carolina und in verschiedenen späteren Reichs- abschieden, ebenso im westfälischen Frieden (J. P. 0.) V § 1 und XVII § 7.

Die alte volksrechtliche Gesetzgebung war nun in erster Reihe dem Bedürfniss entsprungen, durch Aufstellung fester Buss- und Wehrgeldstaxen das Fehdewesen, wenn auch nicht recht- lich, so doch thatsächlich einzuschränken *" ^. Hand in Hand damit ging die Ausdehnung des öffentlichen Strafensystems. Immerhin hat es die volksrechtliche Gesetzgebung auch in dieser rein thatsächlichen Einschränkung durchaus nicht zu einem ab- schliessenden Ende gebracht. Die meisten Volksrechte gestatten in gewissen Fällen und unter gewissen Einschränkungen die Geltendmachung der Fehde.

Entschiedener ging das Karolingische Eönigsrecht gegen die bis dahin noch allgemein zu Recht bestehende Fehde vor. Einmal haben die Karolinger die Neuerung eingeführt, dass der Graf die fehdelustigen Parteien von Amtswegen zum Abschluss eines Sühnevertrags zwingen dürfe. Gegenüber der volksrecht-

' R. Schröder, Lehrb. der Dt. Rechts-G. Leipzig 1889. S. 331 u. 6U.

Friede und Recht. 17

liehen Anerkennung der Fehde wurden die Beamten angewiesen, die Sühne zu Termitteln und denjenigen, der die Zahlung des Wergeids oder die Annahme der Zahlung verweigerte, vor den König zu bringen, der die Bestrafung des Widerstrebenden seinem Ermessen vorbehielt. Dem Ungehorsamen wurde insbesonders Verbannung bis zum Eintritt der Nachgiebigkeit, dem die Zah* long weigernden Todtschläger auch Vermögenseinziehung ange- droht. Eine andere Neuerung ist die, dass die nach Volksrecht straffreie Fehde durch das Eönigsrecht mit der Strafe des Banns bedroht wird. Karl der Orosse droht für die faida als solche die Strafe des Königsbanns von 60 solidi, dann auch die Strafe von 100 solidi, ja durch das capitulare Saxonicum von 797 wurde dem König das Recht, eine noch höhere Strafe bis zu 1000 solidi zu verhängen, vorbehalten, üeber das Verhältniss dieser Be- stimmungen zu der volksrechtlichen Anerkennung des Fehde- rechts ist zu verweisen auf Sohm \ Schröder *, Brunner ^ und die dort angegebene Literatur«

Diesen Bestimmungen über Fehde entsprechen die analogen Bestimmungen über die Selbsthilfe im Privatrecht. Sowohl das Langobardische als das Sachsische Recht haben noch ein ausser- gerichÜiches Pfandungsrecht des Gläubigers gekannt. Das Fränki- sche Königsrecht verbot die Ausübung desselben bei Strafe des Königsbanns. Karl der Grosse setzte in der capitulatio de par- tibus Saxoniae für Sachsen, Pippin in einem ungefähr gleich- zeitigen Capitular für Italien die Bannstrafe auf die ausserge- richÜiche Pfändung^.

Doch hat sich das Königsrecht auf die Dauer nicht durch- zusetzen vermocht. So hat sich in Italien die eigenmächtige Pfändung trotz des königsrechtlichen Verbots erhalten^. Und in Nachfränkischer Zeit finden wir gerade in den alten Sitzen der Salfranken die Geschlechterfehde in vollster Blüthe*.

Es konnten eben diese königsrechtUchen Reformen im Rechts-

^ R. Sohm, Die Altdeutsche Reichs- und Gerichtsverfassung. Bd. I. Weimar 1871. S. 104 f. und Anm. 6.

* Schröder, Dt. Rechts-G. S. 343 f. und Anm. 76. » Brunn er, Dt. Eechts-G. I, 156 f.; 280 f.

* Sohm^ Reichs- und Gerichtsverfassung. S. 105 und Anm. 7.

* Wach, Der Italienische Arrestprocess. S, 24 f.

* Brunn er. Dt. Rechts-G. I, 281.

Dentiche Zeitschr. 1 Geflchichtsw. 1891. V. 1. 2

18 L. Huberti.

bewusstsein des Volkes noch nicht durchdringen. Die Gewohn- heit, sich selbst sein Racherecht zu schafien, war zu sehr in das Germanische Blut eingelebt, ebenso wie die Selbsthilfe im Privatrecht.

Eine andere Erscheinung tritt uns im Mittelalter entgegen, mit ausgeprägtem Charakter, bestimmte Zeit andauernd, ein fest- gesetztes Ziel verfolgend : die mittelalterlichen Friedenssatzungen * . Diese Friedensaufrichtungen bilden einen Theil der Elechts- und Verfassungsgeschichte des Mittelalters, der zu den wichtigsten gehört. Sie haben den Ausgangspunkt für die mittelalterliche Reichs- wie Landesgesetzgebung gebildet. Sie erscheinen das ganze Mittelalter hindurch als der eigentliche Kern der Gesetz- gebung, um den sich allmählich immer weitere Materien legen, die in mehr oder weniger losem Zusammenhange mit Friede und Fehde stehen, zum Theil eines solchen Zusammenhanges ganz entbehren. So findet sich schon in einer der frühesten Deutschen Friedensaufrichtungen ^ die uns erhalten sind , dem undatirten Frieden bei Waitz (Urk. 12), nebenbei ein Verbot des Pferde- exports, und neben anderem das Gebot, Streitigkeiten um Eigen und Lehen vor den herzoglichen Beamten zu verhandeln, Be- stimmungen, die wir später wiederholt in ähnlichem Zusammen- hange finden werden.

Wenn man von den Friedenssatzungen des Mittelalters spricht, so hat man vor allem zu unterscheiden zwischen den sogenannten Gottes&ieden und den sogenannten Landfrieden. Letztere eine mehr Deutsche und mehr von rechtlichen Gesichtspunkten aus zu betrachtende Institution, erstere eine mehr specifisch Fran- zösische, mehr unter rein historischen Gesichtspunkten zu be- trachtende Erscheinung. Beide Institute hängen in manchen Be- ziehungen ebenso sehr miteinander zusammen, als sie in vielen Beziehungen scharf von einander zu trennen sind.

Der „Gottesfriede" war eine kirchliche Einrichtung Franzö- sischen Ursprungs, bestimmt zur Bekämpfung des Fehdewesens, die Fehde bekämpfend nicht durch gänzliches Verbot, sondern durch indirecte Beschränkungen, lediglich vertraglicher, nicht gesetzlicher Natur, bestimmte eigenartige Mittel anwendend, das

* Waitz, Urkunden zur Dt. Verf.-G. im 10., 11. und 12. Jh. 2. Aufl. 1886. S. 30 (ürk. 12).

Friede und Recht. 19

kirchliche Moralgebot der Friedenshebe überführend in das öffentliche Recht, weniger durch rechtliche Strafen als durch kirchliche Disciphnirung wirkend, charakterisirt durch die Be* friedung gewisser Personen, Gegenstände und Zeiten.

Der Landfriede " war eine weltliche Einrichtung Deutschen Ursprungs, dem Gottesfrieden zeitlich nachfolgend, sowohl gegen die Fehde gerichtet, als besonders in ihrer späteren Entwicklung zum Theil förmhche Strafgesetzbücher, theils die Fehde indirect beschränkend durch Befriedung gewisser Personen und Gegen- stande, selten durch Einführung gewisser Friedetage, theils sie ganzlich verbietend, vorwiegend gesetzlicher Natur. Das sind andeutungsweise die Hauptunterschiede.

Diese Friedensordnungen, die man sich nach der gewöhn- lichen Anschauung als einander völlig ähnlich oder doch wenig- stens gleichartig vorstellt, waren jedoch nicht bloss nach diesen zwei Hauptkategorien, sondern gerade innerhalb derselben durch- aus verschieden und in unendliche Schattirungen sich zersplitternd. Pfister^ hat Recht, wenn er sagt: „faute de les avoir distinguös, on est tombä dans la